Presse/Reviews
 
 
  
Badische Zeitung | Schon mal Hartz IV gehabt?

26.01.2009 – Bericht zur Freiburger Bettleroper

Dies ist kein Stück über, sondern mit und von. Kein Stück über Arbeitslose, Penner und Hartz-IV-Empfänger, keine Sozialstudie über Elend und Armut im vom Schatten der Finanzkrise verdunkelten Gegenwartsdeutschland im zwanzigsten Jahr des Mauerfalls. Hier ist der Genitivus Subjectivus am Platz. In dieser "Bettleroper" singt und spielt der Bettler selbst. Mitleid verbietet sich da. So wie es in dem höhnisch-sarkastischen Lied mit eben diesem Titel heißt: "Mitleid ist Religion, / und der Armen Lohn, / doch davon wird niemand reich."

Geschrieben und komponiert hat es die Berliner Indierockmusikerin Bernadette La Hengst für Christoph Strucks Inszenierung der "Bettleroper", die am Wochenende im Kleinen Haus des Freiburger Theaters Premiere hatte. Geschrieben für die elf Freiburger Arbeits- und Obdachlosen, Bauwagenbesitzer und Hartz-IV-Empfänger, die den vielstimmigen Chor des nach dem Vorbild von John Gays "Beggar’s Opera" 1728 entstandenen Schauspiels bilden – ein Kollektiv, in dem die individuellen Lebensgeschichten der Beteiligten keine Rolle spielen. Sie können keine spielen, denn auch Gay ging es in seiner Satire auf das englische Großbürgertum nicht um subjektive Befindlichkeiten, sondern um gesellschaftliche Gegebenheiten – so wie 200 Jahre später Brecht/Weills "Dreigroschenoper".

An diese Tradition knüpft Frick/La Hengsts "Bettleroper" an und überträgt sie auf die deutschen Umstände im Jahr 2009. Es sind, nicht zuletzt, bürokratische Umstände: Wenn die Schauspielerin Bettina Grahs aus dem Publikum heraus mit sich steigernder Panik den – bescheiden formuliert: umfänglichen – Antrags-Fragebogen für das so genannte ALG II (besser bekannnt als Hartz IV) verliest, kann einem schwindlig werden. Das sind die amtlichen Dokumente der Armut, die auf diese Weise fein säuberlich in einen anonymen Aktenvorgang transformiert wird. Genau festgelegt ist, was einem Hartz-IV-Empfänger an Waren, Bekleidung, Wohnung und Hygiene zusteht. Im Vortrag der sechs Schauspieler, die sich mit den Armutsexperten gemeinsam auf den Weg zur Erkundung einer von mate- riellen Segnungen ausgeschlossenen Existenz gemacht haben, verwandeln sich diese Listen in einen ironischen Kommentar zum Armutsbericht der Bundesregierung – und in einen sarkastischen zu den Leitsätzen der CDU über Wachstum und Wohlstand in Deutschland, die noch nie so hohl getönt haben wie an diesem Abend.

Ist das ein Sujet fürs Theater? Kann man mit Politikerphrasen, Expertengeschwurbel und Amtsdeutsch eine Aufführung bestreiten, die doch bitteschön mehr sein soll als Kirchentag oder Kabarett? Und kann man Betroffene auf die Bühne stellen, ohne sie dem Voyeurismus anheim zugeben? Man kann, wenn der Abend so leicht, so spielerisch, so witzig und so nüchtern "unbetroffen" daherkommt wie dieser.

Dafür ist allerdings eine Voraussetzung vonnöten: Wenn sich das Theater so weit in die soziale Realität hineinbegibt wie hier, müssen auch die Schauspieler ihr bloßes Rollenspiel hinter sich lassen – was geschieht, wenn Nicola Fritzen verrät, was er verdient und Bettina Grahs ihre Personalien beim Hartz-IV-Fragebogen angibt, wenn die vor Temperament sprühende "Bettlerin" Christine-Sophie Arnold lautstark Anna Böger mit deren monatlichen Ausgaben konfrontiert – und wenn alle Schauspieler zusammen laut darüber nachdenken, auf was sie verzichten würden, wenn sie müssten (aber noch müssen sie ja nicht).

Wobei man natürlich nie weiß, ob das alles stimmt: Die Inszenierung definiert als Inszenierung einen fiktionalen Rahmen. Sie bleibt bei aller Authentizität ein ästhetisches Spiel. Wenn Nicola Fritzen nackt nach draußen rennt und es sich unter einer Rosshaardecke gemeinsam mit Melanie Lüninghöner auf einer Isomatte bequem macht, ist das (lustige? frivole?) Simulation von Obdachlosigkeit. An diesen Stellen lauern die Gefahren der Inszenierung, der es indes immer wieder gelingt, Annäherung und Distanz, Empathie und ästhetische Form in schöner, glücklicher Balance zu halten. Das gelingt besonders dann, wenn die Schauspieler die Experten nach ihrem Wissen fragen: Wie man in Freiburg was wo bekommt, wenn man kein Geld hat. Wie und wo man am besten bettelt und welche Sprüche man als Bettler auf jeden Fall vermeiden sollte ("brauche Geld, mein Hubschrauber hat kein Benzin mehr").

Dass es gelingt, liegt nicht zuletzt auch an den Songs. Bernadette La Hengst führt geradezu aufopferungs-, aber durchaus lustvoll vor, wie minimale sagen wir Hartz-IV- Rockmusik klingt: außer ihrer E-Gitarre gibt es noch ein Schlagzeug, das aus eine einziger Trommel und einem Becken besteht; die Percussion wird zuweilen durch rhythmisches Müllcontainertrommeln verstärkt. In ihren Texten hat die Musikerin auch offizielle Berliner Verlautbarungen collagiert ("Die Reformbilanz der Bundesregierung kann sich sehen lassen"). Sie hat die Furcht vor dem "Abstieg" wie die "Angst als Antrieb" vertont, erweist dem "Flaschensammler" die Reverenz, fordert ein "bedingungsloses Grundeinkommen Liebe" und fragt: "Wer hat das Geld versteckt?"

Ja, das möchten wir alle jetzt gern wissen. Und wer kann ahnen, wie ihn die längst nicht ausgestandene Finanzkrise noch beuteln wird? Da kann es nicht schaden, sich schon mal auf schlechtere Zeiten vorzubereiten. Ärmer leben: Die Freiburger "Bettleroper" zeigt, wie das gehen kann.

Bettina Schulte, Badische Zeitung, 26.01.2009
 
  
Südkurier | Für alte Reiche und neue Arme

26.01.2009 – Bericht zur Freiburger Bettleroper

Der bärtige Falko im Trenchcoat hat früher gebettelt. Er hat sich dafür ganz tolle Geschichten ausgedacht. Die sind aber bei den Passanten nicht richtig rübergekommen. Jetzt versucht er sich als Straßenmusiker auf der Melodika. Dietrun, alleinerziehende Mutter, Hartz-IV-Empfängerin, hat Mitte des Monats kein Geld mehr – aber Betteln ist bei ihr nicht drin, es könnte sich in der Schule herumsprechen. Uli hingegen hat als Bettler schon reiche Erfahrung gesammelt. Sein Tipp: Der Standplatz ist wichtig. Ein fester Standort muss sein. Märkte sind immer gut. Von wegen Stammpublikum. Laufkundschaft bringt nichts. Man muss freundlich sein, darf auch ein bißchen flirten, aber nicht zu viel lachen, das weiß Jeanette. Und die toughe Powerfrau Christine-Sofie kennt sich aus mit Notschlafstellen, Essen-Treffs und Kleiderausgabestellen und den notwendigen Bezugsscheinen.

Fachwissen aus erster Hand im Schauspielhaus des Freiburger Theaters: Auftritt für „echte“ Hartz-IV-Empfänger, für Wohnsitzlose, Bauwagenbesitzer, Bettler und Flaschensammler. Sie alle haben sich zum „Bettlerchor“ gefunden unter der Regie von Christoph Frick und der musikalischen Anleitung von Bernadette de La Hengst. „Bettleroper“ heißt zwar der knapp zweistündige Theaterabend, aber John Gay oder Brecht/Weill kommen hier nicht vor.

Ursprünglich wollten Intendantin Barbara Mundel und Regisseur Christoph Frick die „Dreigroschenoper“ von Brecht/Weill als Vorlage für eine Neuinszenierung zum Thema „Neue Armut“ nehmen, die Brecht/Weill-Erben lassen aber eine Änderung an dem Werk grundsätzlich nicht zu, worauf man die Urfassung von John Gay anvisierte, bis man auch die fallen ließ. Herausgekommen ist ein „Schauspiel mit Musik“, ein Projekt für sechs professionelle Schauspieler und elf Spezialisten in Sachen Leben in Armut.

Ein junger Mann im schwarzen T-Shirt mit „Freiebürger“-Aufdruck weist uns den Sitzplatz an. „Freiebürger“: So nennt sich bitter-ironisch die Freiburger Straßenzeitung. Ein bärtiger Mann im Trenchcoat ermahnt uns, kein Popcorn zu futtern – wir sind hier ja nicht im Kino. Auf der Bühne rüsten Frauen Gemüse, ein Suppentopf simmert vor sich hin –Volksküche, Wärmestube, Aufenthaltsraum und letztes Abendmahl zugleich. Und über allem schwebt eine große Wattewolke (Bühne: Clarissa Herbst).

Am Bühnenrand sitzt eine junge Frau mit Pappschild: „Ich sag nix mehr.“ Aber dann ergreifen sie alle das Wort. Formation zur Chorusline: „Und wer hat das Geld versteckt? Eben hier und schon ist es weg“, ertönt es aus vollen Kehlen. Songtexte und Musik stammen – exklusiv fürs Theater Freiburg – von Bernadette La Hengst, Gründerin der Frauen-Rockband „Die Braut haut aufs Auge“.

Und dann gehts Runde um Runde: Bernadette La Hengst greift selber in die Gitarrensaiten, ein megacooler Schlagzeuger bedient gleichmütig Snare und Becken, derweil sein Kollege auf der Mülltonne seinen rhythmischen Beitrag leistet. Ein Hofkonzert im Hinterhaus der krisengeschüttelten Wohlstandsgesellschaft. Zum Expertenwissen der Betroffenen gesellen sich bissig-satirische Songs über „Mitleid“ und den „Flaschensammler“, über „Grundeinkommen Liebe“ und auch über „Avantgarde Bettler“ und das „Armutsrisiko“ einer abstiegsbedrohten Gesellschaft. Glaube, Liebe, Hoffnung: Die Krise – ein Dreiklang in Moll? Eher eine schrille Dissonanz. Jeder Vierte ist laut Statistik ein Habenichts. Die Unterschiede bei der Vermögensverteilung werden immer größer.

Verhandelt in dieser locker gefügten Szenenfolge werden Schlüsseltexte zur Wirtschaftskrise: Offizielle Politikerverlautbarungen treffen auf das reale Elend und menschenfremde Formulare auf Unverständnis. Es ist zum Ausrasten – und genau das tun sie auch auf der Bühne. Es ist zum Schreien – auch das passiert. Das Beste: Die Verarmten werden nicht missbraucht, um das eigene Elend nachzuspielen; sie werden nicht künstlerisch ausgenutzt zum Zwecke verstärkter Authentizität.

Sondern es läuft umgekehrt: Die sechs Schauspieler haben sich ins Elend hineinbegeben, haben recherchiert, und herausgekommen sind sie mit der Angst, die viele im Publikum haben: Wann trifft es mich? Ein junger Schauspieler sagt, er müsse mit 1500 Euro netto auskommen: Was können andere sich noch leisten? Auf wieviel muss ich verzichten? Geht es noch weiter hinab? Die Suppe müssen am Ende alle gemeinsam auslöffeln. Aus der Suppenküche gabs am Schluss Chili con Carne für Ensemble und Publikum, für alte Reiche und neue Arme. Wie haben sie gesungen? „Wir sind Börsen-Bettler, Investoren-Bettler, wir sind pleite Bettler und verloren Bettler“. Großer Applaus.

Siegbert Kopp, suedkurier.de, 26.01.2009
 
  
taz | Später gibt es Suppe

25.01.2009 – Bericht zur Freiburger Bettleroper

Recherche in der Bahnhofsmission und unter Flaschensammlern: Das Theater Freiburg übt sich mit einer "Bettleroper" in sozialer Zuwendung. Mit Blockflöten und Liedern von Bernadette La Hengst. Von Annette Hoffmann

Am Abend der Premiere ist es kalt in Freiburg. Im Kleinen Haus des Theaters Freiburg rückt man für die "Bettleroper" zusammen, alle sind sie da, die lokale Politprominenz, Hartz-IV-Empfänger, das Premierenpublikum. Manche werden von den Darstellern auf der Bühne mit Handschlag begrüßt. Später wird es für alle Suppe geben.

Eine Litanei ist vom Band zu hören, die für jene um Vergebung bittet, die lügen und falsch sind und die auf ihren Musiksendern sexistische Videos laufen lassen. Ein Mann im Trenchcoat, die Lesebrille in der Hand, quetscht sich durch die Reihen und gibt den Zuschauern Anweisungen. "Kein Popreis, äh, Popcorn, später können Sie ja ins Kino gehen." Gehört das schon zur Inszenierung von Christoph Frick? Es gehört.

Solche Irritationen wird es im Verlauf des Abends noch des Öfteren geben. Hat sich das Team um den Regisseur und die Berliner Musikerin Bernadette La Hengst doch zur Recherche in die Welt der Bahnhofsmission und Kleiderläden aufgemacht und elf Hartz-IV- Empfänger, ehemalige Flaschensammler und Wohnungslose eingeladen, den Bettlerchor zu geben. Armut in Freiburg - das passt zwar weder recht ins Selbstbild der Breisgaumetropole, die sich als Wohlfühlstadt inszeniert, noch in die Wahrnehmung der Touristen und Durchreisenden. Doch es gibt sie, zwischen 600 und 800 Menschen haben in Freiburg kein festes Mietverhältnis.

Armut hat viel mit Scham zu tun. Aber auch mit Abgrenzung, erst recht während einer Wirtschaftskrise, die den Mittelstand um Arbeit und Ersparnisse bangen lässt. Christoph Frick zwingt die Zuschauer, genauer hinzusehen, die Bedürftigen einmal nicht als Verkörperungen der eigenen Abstiegsängste wahrzunehmen, sondern die Gesichter, die jeweiligen Eigenarten, aber auch ihr Potenzial zu erkennen. Von den konkreten Lebensgeschichten erfährt man dabei eher am Rande, Christoph Frick bedient keinen Voyerismus. Er nutzt die Vorlage von John Gays "Beggars Opera" als ästhetische Form, die Distanz schafft.

Ähnlich verallgemeinern die Lieder von Bernadette La Hengst, die für tanzbaren Agitpop und radiotaugliche Globalisierungskritik bekannt ist. Bereits im Juni 2007 war die Musikerin Gast am Freiburger Theater und gab mit Pastor Leumund und Bewohnern eines Altenstifts einen Abend über Utopien. Sie selbst hat in den 80er-Jahren als Schauspielerin in freien Produktionen mitgewirkt. Ihre Lieder, darunter ein Song zum Grundeinkommen, sind musikalisch reduzierter als man es von ihr kennt. Hannes Moritz begleitet die Sängerin und Gitarristin am Schlagzeug, Frank Albrecht ab und an auf der Blockflöte und Nicola Fritzen bearbeitet eine Mülltonne.

Einmal steht das gesamte Ensemble um die zusammengestellten Tische, auf denen eine Stadt aus Klötzchen gebaut ist (Bühne und Kostüme: Clarissa Herbst). Die Schauspieler befragen den Bettlerchor, Experten im Überleben, wo man unterkommen kann, wo es Kleidung, verbilligte Lebensmittel gibt und welche Sätze Passanten am ehesten zum Spenden bewegen.

Ansonsten ist viel Staatstragendes von den sechs Schauspielern zu hören, die an der vorderen Reihe an Tischen Platz genommen haben, während die Laien hinten sitzen. Später wird Bettina Grahs versuchen, am Pult einen Hartz-IV-Antrag auszufüllen, und wir werden erkennen, dass eine Bedarfsgemeinschaft überall sonst auf der Welt - nur nicht in der deutschen Behördensprache - eine Liebesbeziehung meint.

Was Verzicht bedeuten könnte, macht das Schauspielerensemble fühlbar, indem es die Jugendstilwohnung, den Urlaub auf den Kanaren, aber auch die Bücher, das Bett und das letzte Hemd in den Ring wirft. Das sind die Momente, in denen auch im Publikum die vermeintliche Sicherheit Schicht um Schicht abfällt und die psychische Dimension des Existenzminimums erkennbar wird.

Seit Barbara Mundel 2006 die Leitung des Theaters Freiburg übernahm, wird auf seinen Bühnen viel diskutiert. Im letzten Sommer kochten, saunierten und debattierten Wagenburgbewohner vor dem Theater mit den Bürgern der Stadt; nur einen Tag nach der Premiere der "Bettleroper" standen Roma-Jugendliche gemeinsam mit deutschen Jugendlichen auf der Bühne. Ein Hauch sozialer Utopie weht durch das Theater, auch in Christoph Fricks Inszenierung, die mit viel guter Laune zu einem neuen Miteinander auffordert.

Und doch ist das Theater keine politische Anstalt, sondern allenfalls Anstifter. Es bleibt ein Ungenügen zurück, schlicht, weil die sozialen Probleme nicht gelöst sind. An das Programmheft ist ein Schild aus Wellpappe getackert. "Thank you" steht darauf, für den unverzüglichen Einsatz in der Fußgängerzone. Man ist an diesem Abend wirklich sehr fürsorglich zueinander.

Annette Hoffmenn, taz.de, 25.01.2009
 
  
titel-magazin.de | La Hengst gibt sich die Ehre...

... und kaum einer merkt es: Vom Konzert am 13. Juni in der Alten Hackerei in Karlsruhe

Welch ein Jammer und Wasser auf die Mühlen aller, die mit Karlsruhe (teils zurecht, teils zu unrecht!) verschlafene biedere Provinz verbinden (diese Einschätzung ist erfahrungsgemäß vor allem in nördlicheren Gefilden sehr verbreitet). Nicht die Künstlerin mit ihrer Band bot den Grund für diesen Klageruf, sondern die Tatsache, dass sich nur ein versprengtes Häuflein zu diesem erlesenen Konzert in Karlsruhes Alter Hackerei einfand, und noch viel schlimmer: dass dieses Grüppchen lange Zeit so lahmarschig & lethargisch wirkte wie die deutschen Kicker im zweiten EM-Gruppenspiel.

Dabei waren die Voraussetzungen an diesem Freitagabend doch blendend, konnten sich Band und Publikum vor Konzertbeginn noch von Hollands Fußballfest gegen Frankreich berauschen lassen, sodass man das eine tun (Fußball schauen) konnte und das andere (Konzertbesuch) nicht lassen musste. Zumindest an diesem Abend war der mögliche Konflikt somit umschifft, mit dem sich die Band nach eigenem Bekunden dieser Tage herumschlagen muss: gezwungenermaßen gegen den Fußball „anstinken“ zu müssen.

Schon bei der müden Reaktion auf Bernadette La Hengsts Begrüßungsworte spürte man eine unverständliche Reserviertheit auf Seiten des Publikums, im krassen Widerspruch zum quellfrischen Esprit der La Hengst. Zumindest oberflächlich davon unbeeindruckt startete die Band – La Hengst wurde von Friedrich Greiling am Bass und Daniel Gahn am Schlagzeug begleitet – ins Programm und stellte nahezu komplett ihre neue CD „Machinette“ vor: abermals eine hoch prickelnde, pulsierende Mischung aus viel body und viel soul, aus kraftvollem Beat & filigranem Text, so wie bereits beim Vorgänger-Album „La Beat“, ein wenig rockiger, funkiger als jenes, aber gleichermaßen bestechend durch Abwechslungs- und Ideenreichtum. Echte textliche und musikalische Perlen sind wieder darunter, wie etwa die Titel „Freiheit ohne Sicherheit“ und „Das populistische Paradies“, in denen das ewige Ringen nach einem erfüllten, ach was: einem prallvollen Leben auf schöne alltagspoetische Weise beschrieben wird. Erfrischend dabei die gelungene Liaison von Leichtigkeit und Tiefe: meist schimmert zwar ein schwermütiger Anflug durch – wie kann es anders sein, wenn man es mit der Wahrheit und der ungeschminkten Wahrnehmung ernst meint –, aber die musikalische und textliche Botschaft erteilt dem möglichen Verfallen in (Ver-)Zweifel(n) und Resignation eine eindeutige Absage. Intelligent und originell werden auch gesellschaftliche Eisen angepackt, wie etwa in „Der grüne Halsbandsittich“, in dem der Klimawandel mal ganz anders, nämlich aus der Vogelperspektive, betrachtet wird. Wer schafft das schon: diesem Dauerbrenner noch neue Aspekte abzugewinnen? Da hätte Funny van Dannen Pate gestanden haben können.

Nach einer guten Stunde schien es mit der guten Miene zum bösen Spiel allerdings vorbei zu sein, und die Band kündigte kurzerhand das Konzertende an, um freilich kurz darauf wieder die Bühne zu betreten; und plötzlich schien der Knoten – naja: nicht zu platzen, aber sich doch aufzulösen. Das Publikum, aufgeschreckt vom nahenden Konzertende, konnte sich dem Feuerwerk irgendwann einfach nicht mehr entziehen. Die Band kam jetzt immer mehr in Fahrt, gekrönt wurde der über einstündige Zugabeteil von einer mitreißenden Version von „Her mit der Utopie“.

Getragen wird das Feuerwerk zweifellos in allererster Linie von der Kraft und dem Charme der Bernadette La Hengst. Aber auch die beiden Begleiter erledigten nach kleineren Anlaufschwierigkeiten ihren Part, sieht man mal von den Gesangseinlagen Friedrich Greilings ab, die etwas uninspiriert und kraftlos daherkamen; die fehlende stimmliche Akzentuierung schien auch nicht einer gewollten Lakonie geschuldet, sondern eher einer gewissen Lustlosigkeit.

Vielleicht lassen sich einfach unglückliche Umstände als Erklärung für die geringe Resonanz ins Feld führen; insbesondere die Tatsache, dass der Spielort - die Alte Hackerei auf dem zwar noch in Betrieb befindlichen, aber der endgültigen Stilllegung und kulturellen Umnutzung geweihten Schlachthof-Gelände - erst seit kurzem am Start ist und einfach noch nicht über die nötige Bekanntheit verfügt, obgleich die Betreiber viel dafür tun. Insofern ist also auch den ‚Alten Hackern’ kein Vorwurf zu machen, die im Gegenteil hier in kurzer Zeit eine schöne neue Musikadresse ins Leben gerufen und schon ein bemerkenswertes Programm auf die Beine gestellt haben.

Fazit des Abends: wie gut, dass es Künstlerinnen wie Bernadette La Hengst gibt, ausgestattet mit derart viel kreativem Potential, musikalischer Power, sprühender Spielintelligenz; und wie gut, dass es Initiativen wie die Betreiber der Alten Hackerei gibt, die ihre Manpower und ihren Idealismus dafür einsetzen, musikalischen Überzeugungstätern Raum und Bühne zu geben. Jetzt müssen nur noch die Leute aus ihren Löchern kriechen, die beides gebührend zu würdigen wissen. Alles wird gut werden...

Anselm Brakhage, titel-magazin.de, 19. Juni 2008
 
  
Der Standard | Ich steh nicht auf die neue Gefühligkeit

Politisch, poetisch und wortgewaltiger denn je: "Machinette", die neue Platte von Bernadette La Hengst

Bernadette La Hengst hätte eine fantastische Parolenschreiberin werden können, die von der feministischen bis zur wöchentlichen Gewerkschaftsdemo die Marschierenden am laufenden Meter mit unverbrauchten, treffenden und skandierbaren Parolen versorgt ... wäre sie nicht der Massenlinkshaltung in Menschenmassenzügen gegenüber skeptisch und würde sie sich nicht gegen Platitüden ebenso verwehren wie gegen Heilsversprechungen: Kill your idols!, mit Dank an Phillip Boa.

Wie kompliziert darf denn das Paradies sein?

Die Untiefen des Sloganismus - Misstrau der Tagesschau! - in einem ohnehin schon an Absurditäten reichen politischen Diskurs lässt das Abschlussstück "Haare zu Berge (wir zieh'n fallera)" Revue passieren: 'Hallo, ich sollte doch die breite Masse bedienen. Seid ihr breit genug?' - 'Jaaaa!!!' - 'Dann präsentiert das Geweih!'. Ein Stück dichterischer Komplexität über die nicht minder unübersichtliche realpolitische, mündend in einen Ausruf der Hilflosigkeit: Aber es muss doch einen Weg geben!?

... und nicht das einzige Stück mit annäherndem Hörspielcharakter auf "Machinette". Immer wieder baut die Wahlhamburgerin auf ihrem nach "Der beste Augenblick in deinem Leben ist gerade eben jetzt gewesen" (2002) und "La Beat" (2005) dritten Solo-Album Sprechteile und Dialoge ein: Sei es dass sie in HipHop-Manier mal kurz die Bassline anspricht oder auch gleich komplett die Pop-Form aufbricht, etwa wenn sie in "Der grüne Halsbandsittich" mit elektronisch verzerrter Stimme zwei Vogelspezies zu Wort kommen lässt: eine als Verlierer, eine als Gewinner des Klimawandels - the winner takes it all tönt es danach in einer noisigen Variante des alten ABBA-Refrains. Nicht weniger als zauberhaft schließlich "Das Echo unserer Eltern", ein Stück, das - ähnlich wie "Züge spielen" - die Kontinuitäten des Lebens thematisiert und mit einem Rentnerinnen-Backgroundchor aus Mitgliedern des Seniorenstifts Freiburg aufwartet: Nebenprodukt eines Theaterprojekts zum Thema "Wie stellen wir uns die Zukunft vor?", das La Hengst ganz bewusst mit älteren Menschen durchführte.

Nein, ich steh nicht auf die neue Gefühligkeit

Mit der Thematisierung all dessen, was nicht geht, zielt die 40-Jährige auf die Generation(en) der Gegenwart ab: Zu vorsichtig (und vielleicht sogar zu klug geworden), um einfachen Sinnstiftungsversuchen zu folgen - und zugleich zu faul, um selbst komplexere auszuarbeiten. Rückzug ins Persönlichste kann nicht die Antwort sein: "Machinette" enthält zwar einige Liebeslieder, doch wird die Untrennbarkeit politischer und privater Lebensbereiche illustriert, indem sich La Hengst der Semantik der Wirtschaft ("Liebe ist ein Tauschgeschäft") oder der Politik ("Liebesrebellion") bedient und diese pro Song in Reihen von Metaphern konsequent durchzieht. Nichtsdestotrotz klingt das geflüsterte Ich plane eine Attentat, doch nicht auf Kirche oder Staat - sondern auf dich, Baby. Komm, wach auf! phänomenal romantisch ...

La Hengst ist, bleibt man in Deutschland, eine Liedkünstlerin ähnlichen Formats wie Hildegard Knef (sogar eines ihrer erklärten Vorbilder) oder Nina Hagen: nicht an ein spezielles Genre gebunden, im steten Wandel und doch sofort wiedererkennbar, weil in erster Linie sich selbst transportierend. Wobei "sich selbst" bei einem politischen Menschen wie La Hengst natürlich die gesellschaftliche Seite neben der persönlichen niemals aus dem Blick verliert.

Ketten, die fallen, machen die schönste Musik

Musikalisch hat sie sich auf "Machinette" nach dem Dauergroove von "La Beat" wieder ein wenig dem Sound ihrer früheren Band Die Braut Haut Ins Auge aus den Frühzeiten der Hamburger Schule angenähert. Ein starker Bass hält die Stücke zusammen, die nicht näher bestimmbar zwischen Keyboard-Pop und Soul, Funk und Dub pendeln, in erster Linie aber eines sind: Chansons.

"Machinette" hat zwar weder die Wucht von "Der beste Augenblick in deinem Leben" noch die Tanzbarkeit von "La Beat", sondern ist rein musikalisch gesehen ein wenig verplätschert - textlich allerdings hat La Hengst noch einmal zugelegt und sich längst in eine Reihe neben Große wie Peter Hein und Tom Liwa gestellt. (Josefson)

derstandard.at, 9. Juni 2008
 
  
Hamburger Abendblatt | Emanzipation im Elektro-Kleid

"Wenn jetzt jemand wie Charlotte Roche oder Lady Bitch Ray mit so einer harten Provokation in die Medien kommt, finde ich das sehr lustig und verdient, aber die sind natürlich keine vom Himmel gefallenen Aliens."

Worauf Bernadette La Hengst anspielt, ist die Arbeit, die Feministinnen jahrzehntelang geleistet haben, sodass die aktuellen Protagonistinnen der Emanzipationsdebatte jetzt "im Mainstream landen und damit auch noch Geld verdienen können". Auch wenn die Musikerin im Song "Kill Your Idols" deutlich macht, dass sie keine Ikone sein möchte, die auf dem Sockel thront, steht fest: Sie selbst ist Wegbereiterin eines coolen weiblichen Selbstbewusstseins.

Anfang der 90er mischte sie mit Die Braut Haut Ins Auge als einzige Frauenband in der "Hamburger Schule" mit. Die 1967 in Bad Salzuflen geborene Künstlerin, die derzeit in Berlin lebt, war damals schon kein angepasstes, sondern "Das dramatische Kind", wie ein früher Song besagt. Neben der Musik sowie Theater- und Hörspiel-Projekten engagiert sie sich in feministischen Netzwerken, hat das Ladyfest Hamburg mit organisiert, coacht Musikerinnen.

"Ich fühle mich als Teil einer feministischen Bewegung, muss dieses Thema aber nicht mit jeder Platte neu aufgreifen", sagt La Hengst zu ihrem dritten Soloalbum "Machinette", das sie heute und am Montag in Hamburg präsentiert. Die Sexyness der Emanzipation, die bei Roche und Lady Bitch Ray in Ekel abdriftet und von den "Alpha-" respektive "neuen deutschen Mädchen" teils bemüht herbeigeschrieben wird, schwingt bei La Hengst im herrlich leichten, aber keineswegs gefälligen Elektro-Pop-Kleid. Das Aufregendste ist aber, wie sie ihre Stimme erhebt. Sinnlich und trotzig, verletzlich und verspielt klingt das. Eine schöne, starke Andersartigkeit.

Obwohl La Hengst bereits 2004 das Thema Kind und Karriere mit dem Song "Rockerbraut und Mutter" in den subkulturellen Kontext überführt hat, geht kritisches Denken bei ihr über Geschlechterfragen hinaus. In ihren Liedern rückt sie dem Gewohnheitstier Mensch auf die Pelle, bürstet etwa das politisch forcierte Sicherheitsdenken gegen den Strich und proklamiert: "Wir sind mit Sicherheit unsicher geboren." Verse wie dieser geraten bei der Chanteuse aber nicht zum Lamento, sondern zum Befreiungsschlag. Und überprüft werden die freigeistigen Ideale stets erneut am eigenen Alltag zwischen finanziellem Auskommen und kreativer Autonomie.

Auch die Diskussion um die "Generation Methusalem" hat La Hengst vertont. In "Das Echo unserer Eltern" verhandelt sie historisches sowie persönliches Erbe, das von Generation zu Generation getragen wird. Ein Freiburger Seniorenchor singt den Refrain zum Klubsound.

Zudem macht die Künstlerin dem Nachwuchs alternative Angebote - jenseits von Rolf-Zuckowski-Bravheit. Für die CD "Tonangeberei - Songs für jedes Alter ab 3" stellte sie Stücke von Heinz Strunk bis Helge Schneider zusammen. "Bei der meisten Musik für Kinder habe ich das Gefühl, dass da mindestens die letzten 30 Jahre Musikgeschichte verschlafen wurden. Sehr altbacken." Sie möchte Kindern mehr zutrauen - mit Texten und Klängen, die "auch mal verschrobener" sind. Und vielleicht ein wenig provokant.

Birgit Reuther, Hamburger Abendblatt, 6. Juni 2008
 
  
Die Zeit | Der Sittich profitiert vom Klimawandel

Auf "Machinette" zettelt Bernadette La Hengst eine Liebesrevolution an. Die euphorischen Texte und ihr Woo-Oh-Oh-Oah sind ansteckend, man möchte mitmachen.

"Ich will ein paradoxes, paranoides, parallele Welt-produzierendes, Liebespaare-kopulierendes Paradies!" Bernadette La Hengst singt diesen Zungenbrecher so flüssig, dass er nicht peinlich wirkt. Ihre Texte holpern auf dem Papier, sie singt sie elegant geschwungen und verwandelt sie in überraschende Poplieder. Der Refrain von Liebesrevolution geht so: "Ich warte schon, wir starten unsere Liebesrevolution / Das Leben ist mehr als Arbeit und Lohn / Mit unserer Veränderungsinspiration / Mit einer Es-geht-auch-anders-Evolution / Mit unserer Entschleunigungsvibration."

Schon auf ihren ersten beiden Alben Der beste Augenblick in meinem Leben und La Beat ist es Bernadette La Hengst gelungen, die strapazierten Popthemen Freiheit, Liebe und Revolution mit neuem Leben zu füllen. Geschickt verbindet sie auch auf ihrem neuen Album Machinette bekannte Sinnsprüche mit frischen Wortkombinationen. Das populistische Paradies und Liebesrevolution sind Ohrwürmer, die Wort halten. Man glaubt an dieses paradoxe Paradies und möchte allen Zynismus fahren lassen, um mit Bernadette La Hengst jene Liebesrevolution loszutreten. Wie die frühen Rock’n’Roller hat sie einen Erkennungsruf, er geht in etwa "woo-oh-oh-oah" und reißt den Hörer mit.

Bernadette La Hengst ist schon lange in der sogenannten Hamburger Schule. Mit Knarf Rellöm – ihn nennt sie "ihren ältesten Freund" – gründete sie Mitte der Achtziger die Punkgruppe Huah!. Ihr Wechselspiel zwischen Ironie und Kritik beeinflusste die deutschsprachige Rockmusik. Im Jahr 1990 rief Bernadette La Hengst die Riot-Grrrl-Band "Die Braut haut ins Auge” ins Leben, seit acht Jahren musiziert sie unter ihrem eigenen Namen und jagt von einem befreienden Popentwurf zum nächsten.

Man folgt ihren Verheißungen von der Freiheit, weil sie die Schattenseiten nicht ausspart. Singt sie von Freiheit und Liebe, dann singt sie auch von den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. In dem schwingenden Rock’n’Roll-Stück Liebe ist ein Tauschgeschäft heißt es in Anlehnung an den Motown-Klassiker River Deep, Mountain High: "Ich bin durchs weite Meer geschwommen / Und hab den höchsten Berg erklommen / Wegen dem bedingungslosen Grundeinkommen / Namens Liebe." In Der grüne Halsbandsittich erzählt sie die Geschichte eines Vogels, der von der Erderwärmung profitiert. Er entwischt aus der überheizten Wohnung in die warme Stadt und verlangt: "Ihr verdient das Geld doch auch mit Emissionenhandel / Also warum soll ich nicht Gewinner sein von eurem Klimawandel."

Das Zusammenspiel von Gitarren und Elektronik hatte Bernadette La Hengst schon auf ihrem ersten Album perfektioniert, mit Machinette geht sie einen Schritt weiter. Sie leiht sich die Bläser der Schweizer Band Die Aeronauten, sie agieren zwischen Memphis-Soul und Kammerpop, einen Seniorinnenchor lässt sie "Wir sind das Echo Echo Echo unserer Eltern" singen. Das ist ambitioniert, klingt aber locker und leicht. Geschrammelte Mollakkorde sind ihr Ding nicht. Ihr neuer Schlachtruf lautet "If you don’t know the phunk / You don’t know anything". Lassen wir uns führen von ihr, in ein "Party-partizipierendes, ein Katechismus negierendes, ein Papa-bezahlt-unser-Grundeinkommen, passioniertes Paradies!"

"Machinette" von Bernadette La Hengst ist als CD bei Trikont und als LP bei Ritchie Records erschienen.

Dieter Wiene, zeit.de, 21. Mai 2008
 
  
Junge Welt | Zu dieser Ideologiekritik kann man tanzen

Das Problem der Gegenwart besteht unter anderem darin, daß sie noch nie das war, was sie meint, zu sein. Ihre Zukunft ergründet sich in Vergessenheit. Auf diesem Weg begleitet uns eine der liebsten Freundinnen, die Kunst. Diese dient der Revolu­tion, indem sie uns von bürgerlichen und linksradikalen Illusionen befreit oder und Mut für die richtige Sache macht. Und dann gibt es noch eine Kunst, die dazwischen liegt: Es ist die neue CD "Machinette" von Bernadette La Hengst, die recht poppig, eklektizistisch, soulig, dubbig und überhaupt groovig daherkommt.

Das Wesen des Menschen ist diesem nicht vorgegeben, sondern Resultat dessen, wozu er sich selbst macht. In der Tat ist der Mensch der Bildungsprozeß des Menschen, und die Kunst zeigt nicht so sehr, was der Mensch als Objekt ist, sondern vor allen Dingen, was der Mensch als Subjekt sein kann und welche Möglichkeiten in ihm schlummern.

Sie zeigt also den Menschen nicht nur als Produkt der Umstände, sondern auch, daß diese durch ihn veränderbar sind. Im Bereich des Ästhetischen ist Affirmation gleichbedeutend mit Kritik und "Machinette" ist ein Musterbeispiel für diese subversive Schönheit. Bernadette La Hengst (die unlängst mit "Tonangeberei" einen Sampler mit Kinderliedern zusammengestellt hat) braucht also längst nicht mehr vordergründig kritisch zu sein, um kritisch zu sein, ein Umstand, der uns sehr zupaß kommt, weil sie ohnehin kritisch ist. So sind auch die Liebeslieder auf dieser CD weniger Manifestationen einer subjektiven Sehnsucht, sondern Teil einer allgemeineren Sicht auf die Welt.

Bernadette La Hengst knackt Klischees in Widersprüche auf und zeigt, daß in der nur allzu bekannten langweiligen Form ein richtiger Kern zu finden ist, der wieder vergessen wurde und heutzutage einer wichtigen Erkenntnis gleichkommt. Die Begriffshülsen "Freiheit" und "Sicherheit" wendet die Künstlerin z.B. auf sich, untersucht sie zu Zeiten des Prekariats auf deren Realitätsgehalt und klopft sie auf etwaige Widersprüche und Ambivalenzen ab. Das Ergebnis ist eine Ideologiekritik, zu der man tanzen kann.

Mit dem uplifting Synthie-Pop-Kracher "Niemals dorthin" beschämt La Hengst die Pet Shop Boys, die doch die unbestrittenen Meister des Genres sind. Das "Populistische Paradies" ist für ein Theaterstück geschrieben worden: Zusammen mit ihrer Zwillingsschwester Linda ist sie im Paradies gelandet, wo anscheinend der Groove von George Clinton regiert. Der Text hingegen weist eine eindeutige Diesseits­orientierung auf: "Ich will nicht sterben müssen/ um zu merken, was mir fehlt/ Ich will vor meiner Beerdigung wissen, was in meinem Leben zählt/ Und auch wenn ich es nicht kriegen kann, kann ich es immer noch wollen."

Der deutsche Philosoph Immanuel Kant hat am Anfang der Warenwirtschaft die Liebe als den wechselseitigen Tausch von Geschlechtseigenschaften zum Zweck, mit dem Ehestand die bürgerliche Gesellschaft zu konstituieren, definiert. Zirka dreihundert Jahre später hat nun Bernadette La Hengst an deren Ende mit "Liebe ist ein Tauschgeschäft" die nicht mehr ganz so kalkulatorisch-nüchterne eher gebrauchswertorientierte northernsoulbeschwingte reizende Antwort darauf abgeliefert.

"Kill your idols", diesen sehr vernünftigen Vorschlag für alle Fans von Wolfgang Schäuble und Joseph Fischer und andere Anhänger der Sozialdemokratie unterbreitet gleichgenanntes Lied mit sehr entspanntem Südseeflair. Beim von Wolf Dieter Brinkmann inspirierten "Züge spielen" sind laut Auskunft der Künstlerin Küchengeräte zum Einsatz gekommen. Hört man nicht. Dafür vernimmt man einen wunderschönen Gesangspart, der sich schwerlich auf nur einen Sinn festnageln ließe und einen Sprechteil, der zirkulär, wahr und konkret ist.

Wir brauchen keine Priester, sondern Prediger. Einer von denen ist Pastor Leumund, dadaistischer Dichter und Vorsteher einer konfessionslosen Kirche, der ab und an mit einer Harfinistin rappt. Sein Manifest "Haare zu Berge" beglückt uns am Ende mit einigen paradoxen Wahrheiten und La Hengst mit einer gelungenen musikalischen Improvisa­tion: "Auch wenn wir Ricula-Brokkoli noch nicht kaufen können: Der Vorgeschmack ist da!"

Kurzum: "Machinette" ist Musik, die einen erinnert, am Leben zu sein, uns in die Welt hinausführt und uns ermuntert, diese in der einzig ihr gebührenden Weise zu grüßen: Den Daumen an der Nase, die Finger gespreizt. Revolutionen beginnen immer im Kleinen. Vor allem, wenn es nicht die großen sind.

Reinhard Jellen, jungewelt.de