Presse/Reviews
 
 
  
Spex

Das war überfällig: Sonne, solo, ein so-sicher-nicht-verstanden-werden-wollendes Regulativ zu den heikleren Stellen oder Leerstellen bei u.a. Parole Trixis "Definition von süß" (die B. Hengst "produzierte"), Ideal und 2Raumwohnung. Mögen sich die Geister dran scheiden, Bernadette Hengst ist gleichermaßen raus und dabei und setzt bei sich selbst an: Nach 107 mitgemachten Sonderbegegnungen inkl. gewissen Für-immer-Momenten, neun Jahren Die Braut haut ins Auge und überschönen Stelldicheins als "die Stimme!" bei z.B. Rocko Schamoni, spendiert sie eine Runde Weisheiten, die schlicht und einnehmend sind.

"Der beste Augenblick in deinem Leben ist nicht morgen, sondern gerade eben" singt sie, während der Basslauf "Mind that" sagt. Wenn es um Liebe geht, was nicht selten der Fall ist, geht es immer auch um Loslassen, aber nie um Verbitterung und Selbstaufgabe (siehe "Wilder Mann", "Ein Abschied zu viel"). Und Gott wohnt übrigens im Etap Hotel. Was das im Namen geführte Adelsprädikat "La" ebenfalls rechtfertigt, sind die von Bernadette Hengst markierten Untertöne und Akzente: die Orgelschwaden des Titelstücks, die gesprächsrealistisch anmutende Betonung von "Hallo, es wird nicht eingeschlafen!" (in "Weh tun": ein Nein an lähmende Lieb-sein-und-kuscheln-Beziehungen), die Aufrichtigkeit der gemeinsam mit Ko-Pilot Sergej Jensen (allgemein verantwortlich für "Korg MS 20, Zupfhansl Gitarre, Bass, Stille, Krach") locker geschafften Interpretation von Tuxedomoons "No tears". Auf der das Cover zierenden Fotocollage sieht La Hengst gut aus (as in: "Mir geht es wieder gut."), die Bilder im Booklet zeigen Eingänge glitzernder Clubs, die (nur äußerlich?) am verrotten sind. Schön auch, dass diese vielen Details von "Der beste Augenblick..." nicht allein auf weiter belangloser Flur stehen, sondern atmosphärisch eingeschlossen sind: in ein wortreich geschildertes Unbehagen gegenüber Müdigkeit und Stagnation und eine hitlastige Disco-Hommage an vergangene Zeiten, die nur bedingt ernst genommen werden will (wer will schon nochmal 16 sein?). Was zählt, ist jetzt.
 
  
Junge Welt

Der beste Augenblick in deinem Leben ist gerade eben jetzt gewesen. Darauf ist sie die alte geblieben und trotzdem ganz entschieden und gelassen eine neue geworden. Die Gitarre hat sie nicht in den Schrank gestellt, aber den Sampler aus der Schublade gezogen. Dadurch hat sie ihrem Rock'n'Roll die Rebellion bewahrt, gleichzeitig aber eine dickeLadung Sexiness in den Rhythmus geholt. Egal ob sich das eherruhig oder aufrührerisch anläßt, Bernadette LaHengst hat ein sicheres Gespür für Songs, die einem mindestens den Tag, vielleicht aber auch das Leben retten. Das liegt daran, dass sie keine Angst vor Traurigkeit kennt, diese aber vom Jammerlappentum alternder Diskurspopper zu unterscheiden weiß. Man kann auch vielschichtig dazu sagen - dass gilt auch für die Texte auf "Der beste Augenblick". Sie fangen beim Kleinen an und eröffnen Perspektiven aufs Grosse und Ganze: es sind mit Forderungen verbundene poppoetische Perlen, die Spaß machen, weil sie Hirn, Herz und Hintern in Schwingungen versetzen. "Der beste Augenblick" macht glücklich, weil es keine verbissene Gewolltheit darauf gibt. Alles erscheint selbstverständlich und auf fröhliche Weise selbstbewusst und offen. Gleichzeitig explodieren die Songs vor geballter Energie, die nur entstehen kann, wenn jemand mehr will als lediglich gefallen. Das ist der Unterschied zwischen schön und toll. "Der beste Augenblick" ist beides. Überlegt man sich, wie wenig andere Frauenacts sich das Recht nehmen, ohne Rechtfertigung zu agieren und wie sehr den wenigen, die es tun, genau das übel genommen wird, dann wird außerdem klar: "Der beste Augenblick" ist ein Wunder.

Connie Lösch
 
  
taz

Bernadette La Hengst hat schon bei vielen Songs von Rocko Schamoni mitgesungen - auch auf seiner Platte ist sie wieder dabei. Anfang der Neunziger schon sang sie mit ihrer Band Die Braut haut ins Auge, einer der witzigsten Frauenbands des Landes, theatralische Lieder über Betten, die stinken, und Aschenbecher, die husten. Auf ihrem ersten Soloalbum "Der beste Augenblick in deinem Leben ist gerade eben jetzt gewesen" treibt sie eine ähnliche Idee wie Rocko Schamoni an. Auch sie will politisch bleiben, aber dabei glatt werden wie ein Babyarsch.

Bei ihr gibt es Stücke, die klingen wie der Konzeptpunk der Goldenen Zitronen, dazu singt La Hengst: "Sie haben nichts, was mich hier hält in ihrer Erwachsenenwelt". Das Ganze allerdings im Ton der Juliane Werding, als ginge es um die klassischen Schlagerthemen Herz, Schmerz, Heimat und Fernweh. Ein nächster Song trabt daher wie Discofox, dieser Rhythmus, der rappelt wie Wohnzimmerstudio. Dazu singt sie wie Annette Humpe: "Dies ist ein Lied, das ich schrieb für alle, die ich hinter mir ließ."

Bei Bernadette La Hengst geht es um begehrenswerte Frauen, die Männer verbrauchen, um Selbstmörderinnen und ewige Reisende. Über alle singt sie, als wäre es ihr egal, bezirzend arrogant. Für sie ist der Schlager das Reservat für alles, was der bürgerliche Alltag nicht zu bieten hat, was ihm aber auch nicht gerade den Boden wegzieht. Da gehört Aufruhr rein, meint sie. Genauso wie in den verkümmerten Sexappeal des politischen Liedguts. Dem setzt La Hengst eine hanseatische Distanz zu sich selbst entgegen. Ihre Lieder sollen flutschen. Schluss mit der ollen Bescheidenheit in der Szene. Bernadette La Hengst geht es wie Rocko Schamoni darum, sich über korrekte Punks und den moralischen Habitus der Altachtungsechziger lustig zu machen, aber auch darum, dem verkopften Diskurspop der Hamburger Schule ein bisschen Schick zu implantieren. Sie wollen raus aus den selbst gebastelten Nischen, aber deshalb noch lange nicht rein in den Fettnapf Schlager.

Susanne Messmer
 
  
Süddeutsche Zeitung

Von wegen Diskurs-Pop, neue Befindlichkeit und alte Hamburger Schule. Es geht auch anders. Schon im letzten Jahrzehnt sorgte Bernadette La Hengst mit dem erfolgreichen Girlskombinat Die Braut haut ins Auge für frischen Gegenwind in der Szene. Nun produzierte sie im Alleingang ein weiteres Album voller Argumente gegen den müden Zeitgeist. Schließlich ist der beste Augenblick in deinem Leben nicht morgen sondern gerade eben, wie es schön programmatisch im Titelsong heißt. Also weg mit der Gemütlichkeit und ran an die Geschichten, die das Leben so schreibt. Dazu dient der Sampler, neben Gitarre und Keyboards das Hauptinstrument eines Raubzugs quer durch die Popgeschichte, vor allem durch die 80er Jahre: Locker vereint Bernadette La Hengst Standpunkt und Revolte mit Disko und Spaß und gibt nicht nur im vermeintlichen Liebeslied mit einem "Hallo, es wird nicht eingeschlafen!" den richtigen Tritt in manch lahmes Hinterteil. Sie spielt Vielseitigkeit als Trumpf aus, wechselt stilsicher von House zu Elektro Pop, von Ironie zu Melancholie, von Annette Humpe zu Madonna. Dazu diese Backgroundchöre, die dem Ganzen wieder etwas Kollektives geben und so gar nicht nach Soloalbum klingen, eher nach großer Party. Trotz Nachdenklichkeit und Ideologiekritik: Hier soll und darf getanzt werden.

Barbara Winkler
 
  
Magdeburg.online

Bernadette La Hengst kennt man vielleicht noch von der längst verblichenen Popband Die Braut haut ins Auge, vielleicht bringt der eine oder andere sie sogar mit jenen Tagen in Verbindung, als sie - zusammen mit. U.a. Jochen Distelmeyer und Bernd Begemann - zum Umfeld des Fast-Weltweit-Labels gehörte. Anyway... those were the days, und wenn sich ein Künstler respektive eine Künstlerin in den letzten Jahren vom langen Schatten der Vergangenheit gelöst hat, ohne sich selbst untreu zu werden, dann sicher Bernadette La Hengst auf ihrem ersten Soloalbum. Liebe und Politik, Ironie und tiefe Melancholie sind die Eckpfeiler von "Der beste Augenblick in deinem Leben", ein ausgesprochen fluffig-leichtes Elektropop-Album. In eine Schublade etwa mit Paula lässt sich Bernadette aber dann doch nicht stecken, zuviel Gefühl und intellektuelles Verständnis brodelt unter der glatten Oberfläche. Da werden politische Parolen der Ton Steine Scherben mal eben umgeschrieben und neugedeutet in "Die da oben machen ja doch, was wir wollen" und "Der beste Augenblick in deinem Leben" ist zweifellos jetzt: "Vergangenheit wird aufgeklärt mit Arroganz der Gegenwart, wir denken, wir sind klüger jetzt und Rebellion ein schlechter Witz. Wir haben uns noch nie gefragt, als wir noch kein Gesicht, ob wir genauso leben wollen oder lieber nicht." Brecht und Blumfeld, Johnny Cash und Dada stehen textlich Pate, machen die Songs zu labyrinthischen Rätselspielen, ohne dass sie ihre Clubtauglichkeit verlieren. Bernadette schöpft unbefangen aus dem vollen, und sie schöpft Ohrwürmer im Dutzend. Es ist ein wenig aus der Mode geraten, ein Album als "wichtig" zu bezeichnen, trotzdem ist "Der beste Augenblick" genau das. Mögen ihm noch viele solche Augenblicke folgen.

Stefan Pannor
 
  
Tagesspiegel

Noch nie war Bernadette La Hengst mit einer Männerband auf Tour. Damit ihr das nicht so sehr auffällt, haben sich ihre beiden Co-Musikanten mit kurzen Blondhaarperücken, weißen Hemden und Schlipsen als Bernadette-Klone verkleidet - und ähneln sich mehr gegenseitig als ihrer Chefin. Die ist trotzdem ganz begeistert von den zwei schlaksigen Jungs, mit denen sie im Tourbus angeblich nur über Sex redet. Sexy geht es auch auf der Minibühne des schwitzend vollen Bastard zu: "I wanna make love in the rooms of a puff", singt Frau La Hengst, schüttelt dazu kokett den Kopf und stöhnt kurz im Duett mit dem Bassisten. Im ersten Moment klingt ihre Mischung aus Kitschpop, Achtziger-Sound und Neuer Hamburger Schule spaßig bis angetrasht. Dabei kann man leicht überhören, dass das alles ziemlich schlau ausgetüftelt ist und präzise gespielt. Die ehemalige Sängerin der inzwischen aufgelösten Die Braut haut ins Auge, springt hoch konzentriert zwischen Keyboard, Gitarre und Synthesizer herum. Mal schmachtet sie fast schlagerhaft ins Mikro, dann legt sie plötzlich kleine Angus-Young-Zappeleien hin. Ihr munteres Crossover präsentiert sie mit großer Ernsthaftigkeit, ohne dabei in die Blumfeld-Falle zu gehen und pathetisch zu werden. Und sie hat Hits dabei! Der Titelsong ihres Debütalbums "Der beste Augenblick in deinem Leben" (Trikont) ist eine wunderbare Pop-Perle mit gut dosiertem Sentimentalitätsanteil. Aber es geht auch härter: Als "unabdingbaren Aufruf zur Revolution" kündigt die Wahlhamburgerin ihren Titel "Die da oben machen ja doch was wir wollen" an, der ein bisschen nach Ideal plus Blur klingt. Er rockt so beschwingt nach vorn, dass man sich gut vorstellen kann, es auf einer Antiglobalisierungsdemo wiederzuhören. "Wir werden verlieren, wenn wir uns nicht organisieren, moblisieren, analysieren, formulieren" singt Bernadette La Hengst. Da hat sie wohl Recht, denkt man. Kommt nicht bald Mister Bush nach Berlin? Sollten wir da nicht was organisieren, mobilisieren, analysieren?

Nadine Lange